Der März, die Redaktion und das LTB Premium zusammen bringen uns endlich wieder PKNA - eine äusserst bemerkenswerte Serie im Entenhausen-Kosmos, fast ebenso bemerkenswert sind deren Spin-Offs. Eins davon sind die sieben Episoden aus dem früheren Leben des Konrad Kiwi, die ersten drei durfte man ja erstmals auch auf Deutsch betrachten.
Weil das ganze hier noch immer etwas exotisch ist, müssen erst einmal die Umstände erklärt werden: die "Angus Tales" - die ersten drei Episoden tragen die deutschen Titel "Abgeschrieben - Abgelenkt - Ausgebremst" - zeigen diverse Erlebnisse aus dem früheren Alltag von Konrad Kiwi als moralisch korrumpierter, rücksichtsloser Reporter in Neuseeland, bevor er aus dem Land musste und bei Kanal 00 (sprich "Doppelnull") in Entenhausen eine Bleibe fand. Zuerst lernt er eine ebenso verdorbene Arbeitskollegin kennen, doch das ideale Paar zerbricht an ihrem Diebstahl seiner Reportage; dann muss er sich mit diversen Störungen seitens der Nachbarn in seinem heruntergekommenen Block herumschlagen; schliesslich, da im Besitz einer streng geheimen Liste, befindet er sich auf der Flucht vor unbekannten Häschern.
Für den erfahrenen Leser ist der neue Phantomias das ultimative Experiment. Die gewohnte Comic-Welt wird radikal umgekrempelt und fast komplett umgetauscht. Einzig Donald-Phantomias, quasi als Verbindungsstück beider Konzepte, der den Leser vom einen Kosmos in den anderen überführt, bleibt bestehen - sein Umfeld ist ein ganz anderes geworden. Nicht als Ersatz für die "alte Welt", sondern als eine alternative, sich abspaltende Linie. Bezeichnenderweise wurde die Serie hauptsächlich von einer ganzen Reihe damals frischer, junger Zeichner und Autoren getragen, was den Eindruck eines Gegenentwurfs zum bekannten Entenhausen noch einmal verstärkte. Der frische Wind, die Freiheit, die in dieser Serie herrscht, ist praktisch grenzenlos.
Aber ein Spin-Off wie dieses geht sogar noch weiter und lotet die Grenzen definitiv aus: kein einziges klassisches Element verirrt sich in diese kurzen Storys, nichts, nicht die Figuren, nicht das Umfeld sind irgendwie bekannt. Selbstverständlich, dass auch formell keine Kompromisse gemacht werden, Stil, Farben und Komposition sind meilenweit entfernt von der alten Welt. In diesen Comics herrscht die ultimative Narrenfreiheit und dahinter müssen natürlich Experten auf diesem Feld stehen, damit die gegebenen Möglichkeiten aufs äusserste ausgereizt werden können. So verwundert es nicht, dass Silvia Ziche für die Zeichnungen und Tito Faraci für den Text verantwortlich sind (wobei die erste Episode von Paola Mulazzi stammt, die notabene gemeinsam mit Alessandro Barbucci PKNA überhaupt auf die Welt gebracht hat).
Der Grundton der Angus Tales ist, anders als derjenige der Hauptserie, nicht nur sehr humorvoll, sondern sogar äusserst sarkastisch und beizeiten bitterböse. Das liegt natürlich an der Hauptfigur des zwielichtigen, mies gelaunten und ebenso sarkastisch veranlagten Konrad Kiwi. Er ist die einzige bekannte Figur aus der Serie, die Nebencharaktere ordnen sich ihm unter und stammen alle aus dem selben Millieu - Journalismus einerseits, Untergrund andererseits - womit es keine positiv besetzten Charaktere in diesen Geschichten gibt.
In diesem Fall macht Faraci das einzig richtige und drückt voll auf die Tube, um das Maximum aus den Charakteren heraus zu kitzeln. Gag folgt auf Gag, skurrile Figuren überall, jeder hat Dreck am Stecken und intrigiert gegen irgendwen. Eine erstaunlich düstere Welt für einen Disney-Comic und deswegen machen diese Episoden auch so Spass. Die Texte und Dialoge sind gespickt mit Wortwitzen, die Story so abgedreht und absurd wie man das vielleicht von Filmen diverser Regisseure kennt. Die Lust am Abgründigen ist immer zu spüren, sie manifestiert sich in diversen Nebenfiguren wie dem geigenden Mafiosi, dem grössenwahnsinnigen Chinesen, dem korrupten Redakteur oder dem verrückten Wissenschaftler von nebenan. Aber auch das visuelle ist oft entscheidend für den Witz, als Beispiel mag diese geniale Szene dienen, wo der genervte Kiwi den party people klar machen will, dass er Ruhe zum Schreiben braucht:
Und weil sie auch nicht an irgendein Layout gebunden ist, sind Experimte wie das obrige möglich und fast auf jeder Seite zu sehen, die Bildgestaltung kann sich flexibel den Erfordernissen der dargestellten Situation anpassen, ohne auf irgendwelche Hindernisse zu treffen. Ebenfalls bemerkenswert ist die Kolorierung, die hauptsächlich in wässrigen Braun- und Grautönen daherkommt und seltene Farbtupfer enthält. Einerseits drückt sich damit die pessimistisch-sarkastische Grundstimmung der Geschichten aus, andererseits zeigt sie auch die Vergangenheit an, in der aus Sicht der Hauptserie diese Episoden spielen.
Viel Neues über den Menschen Konrad Kiwi erfährt man nicht - was angesichts seines expressiven Charakters auch gar nicht nötig ist. Aber einen Heidenspass machts!




